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Geschichte 1914-2014

Geschichte des Deutschen Volksliedarchivs - Zentrum für Populäre Kultur und Musik 1914 - 2014


Das Deutsche Volksliedarchiv wurde 1914 gegründet. Das Ziel war es damals, deutschsprachige Volkslieder zu sammeln und zu dokumentieren. Initiator und Träger des Unternehmens war der Verband deutscher Volkskunde, vertreten durch dessen Vorsitzenden Prof. Dr. John Meier.

Nationalkultur und Wissenschaft
Meier engagierte sich leidenschaftlich für die Sammlung und Erforschung des Volksliedes und stellte hierfür auch sein privates Wohnhaus zur Verfügung. Modern und wegweisend waren damals die empirischen Methoden: Im Unterschied zu vielen romantischen Liebhabern des Volksliedes und den Philologen des 19. Jahrhunderts wollte man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht auf Buchgelehrsamkeit verlassen, sondern die Liedtexte und -melodien so von den Menschen aufzeichnen, wie sie tatsächlich erinnert und gesungen wurden.

  
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Der Archivgründer Prof. Dr. John Meier
(1864 - 1953)
 

 

Freilich war Meiers wegweisendes Wissenschaftsunternehmen in nationalkonservative wie kulturkritische Strömungen eingebettet. Während man die Liedersammlung als „echt vaterländisches Werk“ ausgab und im Ersten Weltkrieg sogar als „geistigen Heimatschutz“ anpries, wurden die zeitgenössischen Schlager als kommerzielle und medial verbreitete Produkte abgewertet. Die Volksliedsammlung indes wuchs; zugleich wurden die forscherischen und editorischen Anstrengungen verstärkt. Zwischen 1935 und 1996 erschien die Balladen-Edition, eine philologisch hochkomplexe und mustergültige Ausgabe deutscher Volkslieder. Seit 1928 erschien sodann als eigenes Publikationsorgan, das „Jahrbuch für Volksliedforschung“, das heute unter dem Namen „Lied und Populäre Kultur / Song and Popular Culture“ erscheint.
Das Verhalten Meiers und des Deutschen Volksliedarchivs während des Nationalsozialismus wurde in der Forschung unterschiedlich beurteilt, jedoch ist deutlich erkennbar, dass sich der Archivgründer bemühte, sein wissenschaftliches Werk von ideologischer Vereinnahmung freizuhalten. Der Versuchung vieler Volkskundler und Germanisten, die nationalkonservative und kulturkritische Haltung ins Völkische und Rassistische auszuweiten, ist John Meier nicht erlegen.

Kontinuität und Neuaufbrüche
Nach dem Tod Meiers wurde das Deutsche Volksliedarchiv eine Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Landes Baden-Württemberg und konnte so seine Arbeit fortsetzen. Zunächst wurde inhaltliche Kontinuität gesucht, allerdings weitete sich der Blick zusehends: Während bereits John Meier ausländische Lieder aus komparatistischen Gründen berücksichtigte, erweiterte das Deutsche Volksliedarchiv bereits im Jahr 1956 sein forscherisches Spektrum auf „das Gebiet des gesamteuropäischen Volksliedes“. Tatsächlich wurde die Internationalität in den folgenden Jahrzehnten intensiv gepflegt.
Die politischen und gesellschaftlichen Modernisierungsleistungen der 1960er und 1970er Jahre gingen am Deutschen Volksliedarchiv nicht spurlos vorbei. Nun fanden auch die Folkbewegung und die Liedermacherszene dort eine Heimat und einen Inspirationsquell. Viele Künstler der Zeit gingen im Haus ein und aus. So ist es nicht verwunderlich, dass in einer Broschüre aus dem Jahr 1977 auch neuere Liedgattungen (Evergreen, Modelied, Schlager) genannt und ein Protestlied aus der Anti-AKW-Bewegung abgedruckt werden. Ausdrücklich heißt es, man könne nicht bei einer „retrospektiven Betrachtungsweise“ stehenbleiben, die „Geschichte des Volksgesangs“ sei keineswegs mit dem 19. Jahrhundert zu Ende. Insbesondere müssten im Deutschen Volksliedarchiv die Grundlagen geschaffen werden, um „Fragen nach Kontinuität und Rezeption der Produkte heutiger Unterhaltungsindustrie“ beantworten zu können. Folgerichtig wandte man sich dem Schlager ebenso zu wie dem sozialkritischen Lied und berücksichtige stärker als früher mediale und ökonomische Aspekte. Zugleich wurde am Haus der Volksliedbegriff problematisiert und entmythologisiert.
In der jüngsten Vergangenheit wurden diese Aspekte fortgesetzt und vertieft. Das Deutsche Volksliedarchiv betreibt seit 2005 ein „Historisch-kritisches Liederlexikon“, das populäre und traditionelle Lieder ediert und kommentiert. Begleitet wird diese Online-Publikation durch das 2011 gegründete Nachschlagewerk „Songlexikon / Encyclopedia of Songs“. Eine weitere Neugründung stellt die interdisziplinär angelegte Buchreihe „Populäre Kultur und Musik“ dar, welche die Reihe „Volksliedstudien“ ergänzt und fortführt. 

Zentrum für Populäre Kultur und Musik
Im Frühjahr 2014 wurde das Deutsche Volksliedarchiv als „Zentrum für Populäre Kultur und Musik“ in die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg integriert. Durch die Integration in die Universität wird das Profil der traditionsreichen Einrichtung erhalten, ausgebaut und erweitert. Das ehemalige Deutsche Volksliedarchiv erhält dadurch die Chance, sich als interdisziplinär arbeitendes Forschungszentrum zu etablieren. Musik wird dabei als eine soziale und kulturelle Praxis verstanden.
Die Sammlungen des Deutschen Volksliedarchivs stehen unter staatlichem Denkmalschutz und werden derzeit ergänzt durch die Bestände des Deutschen Muscialarchivs und das im Aufbau befindliche Internationale Popmusikarchiv. Bei allen thematischen und methodischen Neuakzentuierungen gibt es eine durchgehende Traditionslinie von John Meier bis zur Gegenwart: Alles dreht sich um die „Musik der Vielen“, um die vielfältigen kulturellen Äußerungen, welche die Mehrzahl der Menschen geprägt haben und immer noch prägen.


Literatur:

Michael Fischer: 100 Jahre Deutsches Volksliedarchiv - Gründung des Zentrums für Populäre Kultur und Musik. In: Michael Fischer / Tobias Widmaier (Hg.): Lieder/Songs als Medien des Erinnerns (= Jahrbuch des Zentrums für Populäre Kultur und Musik, Bd. 59), Münster 2014, 9-18.
 

 

 

 
Jahrbuch des Zentrums für Populäre Kultur und Musik
 
Jahrbuch 2016
 

 

 
Nils Grosch, Carolin Stahrenberg (Hrsg.): "Im weißen Rößl" - kulturgeschichtliche Perspektiven
 
Im weißen Rößl - Populäre Kultur und Musik 19
 

 

 
Fernand Hörner (Hrsg.): Kulturkritik und das Populäre in der Musik
 
Kulturkritik und das Populäre in der Musik
 

 

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